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Man sollte es einfach mal mit der Politik versuchen

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Man sollte es einfach mal mit der Politik versuchen

Helga Schulze Bertelsbeck darüber, warum es mehr Menschen mit Behinderung in der Politik geben sollte und wie eine Interessenvertretung auf Kreisebene aussehen kann

Dieses Interview erscheint im Rahmen der Kampagne „#DeinRatZaehlt!“ und wurde vom Team des Projekts „Politische Partizipation Passgenau!“ geführt.

Helga Schulze Bertelsbeck arbeitete lange als Lehrerin an einer Grundschule in Coesfeld. Als sie mit Mitte 50 spät ertaubte, musste sie ihre Arbeit als Grundschullehrerin leider aufgeben. Über ihr Engagement in einer Selbsthilfegruppe für Menschen mit Hörbehinderung und im Hörbehindertenverein Münster kam sie schnell mit der Kommunalpolitik in Berührung und setzt sich seitdem auch dort für mehr Barrierefreiheit im Kreis Coesfeld und Münster ein. Als Mitglied der ehemaligen KICS – der Kreis-Interessenvertretung Coesfeld der Selbsthilfe für Menschen mit Behinderungen, chronischen Erkrankungen und deren Angehörige kann sie auf einige erfolgreiche Projekte zurückblicken. Darüber, warum ein Engagement von Menschen mit Behinderungen so wichtig ist und wie eine Interessenvertretung auf Kreisebene funktionieren kann, berichtet sie in diesem Interview.

Helga Schulze Bertelsbeck

Helga Schulze Bertelsbeck

Frau Schulze Bertelsbeck, wie sind Sie zu Ihrem Engagement in der Kommunalpolitik gekommen?

Durch die eigene Behinderung. Es gab eine längere Zeit, zu der ich nahezu taub war. Und da habe ich gemerkt: Ich kann nicht mehr kommunizieren und auch nirgendwo mehr hingehen, weder zu privaten Einladungen noch zu öffentlichen Veranstaltungen. Ich war komplett außen vor. 2005 habe ich dann mein erstes Cochlear Implantat bekommen. Zu diesem Zeitpunkt wurde auch unsere Selbsthilfegruppe für Hörbehinderte im Kreis Coesfeld gegründet. Bis heute sind wir sehr aktiv und haben für hörbehinderte Menschen viel erreicht.

Können Sie hier Beispiele nennen?

Zum Beispiel haben dafür gesorgt, dass Kirchen und öffentliche Räume mit Induktionsanlagen ausgestattet wurden. Oder wir haben gemeinsam mit HNO-Ärzten, Akustikern und Hörtherapeuten regelmäßig Informationsveranstaltungen zu Hörproblemen angeboten.

Sie sind auch politisch sehr aktiv.

Ja. Von unserer Selbsthilfegruppe haben wir mit zwei Vertreter*innen von Anfang an in der KICS mitgearbeitet. Da gehörte auch ich zu.

Wie sah Ihre Arbeit bei der KICS aus?

Ich habe einige Projekte mitbegleitet. Bei den ersten Sitzungen der KICS im Kreishaus Coesfeld stießen wir auf viele Barrieren, die eine Teilnahme für alle erschwerten. Der Landesverband der Schwerhörigen forderte daher den Landrat des Kreises Coesfeld zur Aufnahme von Zielvereinbarungen auf, um die Barrieren abzubauen. Gemeinsam mit der Verwaltung haben wir als KICS die Kreishäuser begangen und Barrieren aufgedeckt. Diese wurden nach und nach behoben. Da ist richtig etwas passiert. Es wurden Aufzüge gebaut oder vergrößert, Hörschleifen in Sitzungssälen verlegt, FM-Anlagen angeschafft, ein Leitsystem für Sehbehinderte angebracht.

Wie lief die Zusammenarbeit?

Auch wenn es manchmal schwierig wurde, hat der Kreis Coesfeld sehr gut mitgearbeitet. Die Aufzüge waren da so ein Thema. Weil ein Gebäude denkmalgeschützt ist, gab es hier einige Bedenken. Aber auch die wurden beseitigt.  Von 2007 bis 2010 wurden nach und nach wirklich alle benannten Barrieren beseitigt.

Konnte die KICS auch über Coesfeld hinaus wirken?

Ja. Zum Beispiel haben wir als KICS 2013 an einer Schulung für Bestandsaufnahme in öffentlichen Gebäuden teilgenommen. Wir haben dort zusammen geübt, auf was man alles achten muss, damit ein Gebäude barrierefrei zugänglich für alle ist. Anschließend haben wir mit der KICS das Rathaus in Coesfeld und in Billerbeck begutachtet. In Billerbeck bat die Bürgermeisterin 2014 die KICS außerdem um eine Stellungnahme, weil sie im Rat mit ihrem Anliegen zur Umsetzung von Barrierefreiheit allein nicht durchkam. Also haben wir dort gemeinsam eine Bestandsaufnahme gemacht.

Wie lief das?

Sehr gut. Bei dem Termin waren neben der Bürgermeisterin auch die Architekten, der Leiter vom Bauamt und Mitarbeiter der Stadt dabei. Wir konnten unsere Punkte dort direkt anbringen. Vieles hatten die Architekten selbst nicht im Blick. Was zum Beispiel immer vergessen wird: Die Aufzüge brauchen mehr Raum, damit auch Rollstuhlfahrer*innen den Aufzug auch nutzen und sich auch ohne Umstände bewegen können.

Wie sah am Ende das Ergebnis der Begutachtung aus?

Es wurde alles umgesetzt, was wir benannt haben. Das gilt übrigens auch für das Rathaus in Coesfeld.

Das klingt nach einer sehr erfolgreichen Arbeit. Wie kommt es, dass die KICS trotzdem nach und nach an Mitgliedern verloren hat?

Einige sehr aktive Mitglieder mussten aus Krankheitsgründen ihre Mitarbeit beenden. Ich denke, der Austausch und die Einbeziehung der einzelnen Aktiven in der KICS hätte noch besser sein können. Dazu kommt: Wenn man immer wieder auf Mängel aufmerksam macht und Veränderungen einfordert, macht man sich nicht unbedingt beliebt. Man muss Konflikte aushalten, das kann sehr anstrengend sein.

Was müsste passieren, damit sich wieder mehr Menschen in einer Interessenvertretung auf Kreisebene engagieren?

Menschen mit Behinderung sind oft nicht so mobil. Für viele waren die Treffen der KICS schlecht erreichbar. Ein Beispiel: Ein Mitglied mit Hör- und Sehbehinderung musste von Bösensell nach Coesfeld kommen. Wenn er zum Kreis zu den Sitzungen gekommen ist, war er alleine zwei Stunden unterwegs. Die finanzielle Situation war auch bescheiden. Da die KICS keine Selbsthilfegruppe ist, bekommt sie keine Förderung von den Krankenkassen. Deshalb hat der Kreis Coesfeld eine kleine Summe zu Verfügung gestellt. Eine bessere finanzielle Ausstattung und vielleicht ein Fahrdienst gäben der Interessenvertretung mehr Handlungsmöglichkeiten. Auch die Beteiligung der Mitglieder in Ausschüssen muss gewährleistet sein, damit die Anliegen von Menschen mit Beeinträchtigungen in der Politik genügend berücksichtigt werden.

Außerdem bräuchte es einfach mehr Personen, damit man sich aufteilen und thematische Arbeitsgruppen gründen könnte. Dann wäre die Arbeitsbelastung für die ehrenamtlich tätigen Teilnehmer überschaubarer.

Wie könnte so eine Arbeit in Gruppen aussehen?

Wenn genügend Aktive da wären und man Themengruppen bilden könnte, bräuchte es jemanden, der das koordiniert. Die Gruppen könnten selbstständig ihr Projekt voranbringen. Und wenn es Probleme gibt oder übergreifende Themen, könnte man sich zusammensetzen.

Und es könnten sich regelmäßig Vertreter*innen aus jeder Gruppe zusammenfinden und austauschen und natürlich auch in den Ausschüssen des Kreises sitzen.

Was würden Sie sich für künftige Aktive in der Interessenvertretung wünschen?

Dass man sich nicht zu schnell entmutigen lässt und sich darauf einstellt, dass manches nicht sofort klappt. Denn das führt zu Enttäuschungen. Man muss mit Augenmaß gucken: Wie viel Geld und Zeit ist da. Dazu gehört auch, dass man ein bisschen über den Tellerrand guckt. Dass man nicht nur die eigene Behinderung sieht, sondern bei den Schwerpunkten, wirklich guckt: Was ist am notwendigsten?

Apropos nicht entmutigen lassen: Was motiviert sie persönlich?

Wenn ich Leute treffe, die mitmachen. Wenn man nicht alleine steht, kann man gemeinsam etwas erreichen. Man kann sich unterstützen und ermutigen weiterzumachen, wenn Schwierigkeiten auftauchen. Und mich motiviert, wenn es gelingt, Barrieren abzubauen und eine Teilhabe für alle zu erreichen.

Sollten sich mehr Menschen mit Behinderungen politisch engagieren?

Ja. Das wäre unbedingt nötig, dass sich mehr einbringen. Denn auf politischer Ebene kann man im großen Maße etwas ändern. Als Betroffener ist man ja Expert*in in eigener Sache. Oft sind die gesetzlichen Vorgaben ja da, zum Beispiel im Behinderten-Gleichstellungsgesetz. Aber die Umsetzung ist oft das Problem.

Warum machen es dennoch nicht so viele?

Manchen fehlt das nötige Selbstwertgefühl. Gerade mit einer Behinderung sind manche oft nicht so selbstsicher wie die anderen. Einige haben auch Angst, dass sehr viel Fachkenntnisse erwartet werden und sehr viel Freizeit investiert werden muss. Da denken viele: Das schaffe ich nicht.

Was würde sie diesen Menschen raten?

Es einfach zu versuchen. Man hat die Chance, die Teilhabemöglichkeiten für sich und andere Betroffene zu verbessern. Das verbessert die Lebensqualität.  Man kann sich bei Themen einbringen, die einen interessieren und wo man vielleicht ja auch schon Erfahrungen und Kenntnisse hat. Und man kann ja ganz in Ruhe schauen und entscheiden, ob man sich vielleicht auch mal mehr einbringt. Das geht auch alles schrittweise. Denn es ist wichtig, seine Bedürfnisse zu artikulieren, sonst werden sie leicht übersehen. Es ist wichtig zu wissen: Ich habe ein Recht darauf trotz Behinderung als vollwertiges Mitglied am öffentlichen Leben teilzunehmen.

Vielen Dank für das Gespräch!

 

Text: Dein Rat zählt auf Instagram. Abgebildet ist zudem das Instagram Logo mit einem Kamera-Icon.

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